Unterwegs zu dir, Geliebter

(PREISGEKRÖNTER TEXT DES SCHREIBWETTBEWERBES VON SCHREIBFEDER.DE 2005)

Unsere Briefe, deren weiße Umschläge in der Tropensonne glänzen, liegen vor mir auf dem Tisch. Ich schreibe wieder, schreibe mit der Hand, was schon altmodisch war, als du noch nicht auf dieser endlosen Reise warst. Wo bist du, Geliebter?

Ich halte mich in Belize auf, nur zweihundertfünfzig Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Das Holzhaus, in dem ich wohne, steht auf starken Stämmen mitten im Urwald. Ich bade das Kind und mich im Fluss, immer offenen Auges, jede Sehne gespannt wegen der Schlangen. Mit einer Machete in beiden Händen gehe ich manchmal in den Dschungel hinter dem Haus, aber ich komme nicht weit, der einzige Weg ist der Fluss. Nur vierhundert Meter flussaufwärts schmiegt sich das Dorf in den Dschungel, in dem ich deine Spur verlor. Jeden Tag kommt Clara den Fluss herunter und bringt mir Reis und Bohnen.

Ich gehe umher mit dem Kind in den Armen und schreibe die Worte für dich in die Wände meines Kopfes. Ich trinke die durchsichtige Milch der jungen Kokosfrüchte, das Kind meine Milch. Die Zeit hat keine Bedeutung mehr, das Kind erschafft den Rhythmus. Wenn es wach ist, wache ich. Wenn es lächelt, weine ich. Wenn es schläft, schreibe ich.

Aus dem Wald erklingen Schreie. Die Brüllaffen stimmen ihr Klagelied an. Sie können sich nicht an den Wechsel von Tag und Nacht gewöhnen, ihr ganzes Leben lang nicht, wie wir beide das nie konnten. Kam die Dämmerung, gingst du zu deiner Frau. Du hast es vergessen, Geliebter, als ich dich das letzte Mal sah, hattest du alles vergessen.
Amnesie.
In einer einzigen Sekunde wurde unsere lange Geschichte in dir zerstört. Ich habe dir die Briefe gezeigt, die Papierserviette, auf der unsere ersten Worte füreinander standen. Deine Augen, die in mir nicht mich sahen, musste ich mit den Händen bedecken. Du hast sie fortgerissen und gesagt, ich sei eine Fremde für dich, die du liebst, grundlos. Du müsstest einen Ort finden, an dem du dich erinnern oder ganz vergessen könntest. Seither suchst du diesen Ort und ich dich.
Jetzt, da ich gezwungen bin, hier zu bleiben, hoffe ich, du findest mich, weil ich dich nicht suche, wie damals, als wir uns kennen lernten.

Du trugst deinen schönen kahlen Kopf mit den tiefliegenden Augen in den Raum, in dem ich wartete, auf den Beginn des Kurses und auf was weiß ich, ich hätte nicht gedacht, auf dich. Deine rauchige Stimme malte mit knappen Worten Bilder, die sich in meine Gehörgänge bohrten, in meine Gehirnwindungen krochen, sich dort ablagerten. Monate später wurden sie von deiner Stimme aus dem Telefonhörer geweckt. Wir lachten, ich sah, wie sich dein Mund dabei öffnete, und ich wollte mich von ihm verschlingen lassen.
Wir trafen uns. Spazierengehen im Park von Cecilienhof, reden, nur reden, über die Arbeit, das Schreiben, über Gott, niemals über die Welt.
Was machen wir hier, fragtest du, warum gehen wir spazieren, statt gleich ins Hotel?
Was willst du jetzt töten, fragte ich, dein oder mein Gefühl? Du schwiegst und warfst einen Stein ins Wasser.
Am nächsten Morgen nahmst du einen Kaffee mit mir und dann den Zug und deinen Platz an der Seite deiner Frau wieder ein.
Sie ist schwanger, sagtest du mit diesem Gesicht eines Mannes, der zwischen den Stühlen sitzt, weil er sich auf einem nicht wohl fühlt. Der Zug war gerade eingefahren, ich fragte dich, was uns verbinden würde. Du sagtest: Lust auf Liebe. Und Leben. Und vielleicht die Lust auf ein kleines Verbrechen? Die Tür hinter dir hatte sich geschlossen, bevor ich NEIN sagen konnte.

Das Kind kam tot zur Welt, und du verlorst den Verstand. Schlug die Schuld über dir zusammen? Manchmal träume ich, deine Frau hätte sich gerächt. Sie ließ dich im Krankenhaus chloroformieren und deinen Kopf aufschneiden. Die Liebe zu mir herausschneiden wie krankes Gewebe. Ausnahmezustand. Ausgenommen deine Liebe, heraus aus dir.
Mein krankes Gewebe mehrt sich, wuchert in mir. Es teilte sich eine zeitlang den Platz mit dem gesunden lebenswilligen Fischchen, diesem kleinen Schmetterling, deinem Kind.
Einmal hatte ich zu dir gesagt: Und wenn ich auch schwanger würde?
Das wäre eine Katastrophe, sagtest du, aber du lächeltest.

Ich reiste nach Neuguinea, auf die Philippinen, von Japan über Hawaii nach Mexiko, folgte deinen Spuren, Geliebter, die du durch Strände, Städte, durch die Zeitungen zogst. Ich sah diese Länder mit deinen Augen, so konnte ich dir folgen. Unser Kind füllte und weitete meinen Leib.
Als ich in Mexiko-City aus dem Flugzeug stieg, sah ich dich vor einer anderen Maschine mit englischer Flagge stehen. Du, wirklich du.
Ich hatte dich schon so oft gesehen auf meiner Reise, hatte einen Rücken für den deinen gehalten, der deinen Mantel nicht trug. Hatte einen Nacken für den deinen gehalten, der deinen Kopf nicht trug. Aber diesmal warst du es, ich spürte es am ganzen Körper. Dein Name schoss durch meine Kehle, Rachen und Lippen auf deinen Hinterkopf zu. Du drehtest dich um, doch deine Augen fanden mich nicht, du stiegst in die Maschine; die weiße Tür verschloss den dunklen Mund, in dem du verschwunden warst. Ich schleppte mich zum Schalter und erfuhr, dass deine Maschine unterwegs nach Belize sei.
Belize-City ist nicht groß, ich war sicher, dich dort zu finden. Mit dieser Gewissheit schwebte ich beinah durch Straßen und Märkte, durch die Hafenhalle, aber ich fand dich nicht.
Nach vier Tagen rief mir ein Mann über die Veranda eines blauen schiefen Holzhauses etwas zu.
Bist du Deutsche? Berlinerin? Bis vorgestern hat ein Mann aus Berlin bei mir geschlafen.
Meine Füße drehten augenblicks im Staub der Straße. Ich stieg die wurmstichigen, blau gestrichenen Stufen des Hauses empor, streichelte sie mit meinen Fußsohlen. Das Haus war schief, ein sinkendes Schiff. Ratten huschten die Gänge entlang. Der Mann, von den Travellern im Haus Pudu genannt, lachte auf meine Frage, in welchem Bett du geschlafen hättest. Er lacht auf alle Fragen, er mag sie nicht. Ich glaubte, deinen Geruch in den zerschlissenen Laken zu erkennen und lächelte die ganze Nacht.

Der tropische Regenwald atmete mich ein, als wir im Pick-up hineinbrausten. Drei Tage zuvor warst du diesen Weg gefahren, hattest vom Auto von Pudus Freund aus diese Bäume betrachtet. Vor dem Dorf begrüßte mich ein riesiger Baum, ein Ceiba, Baum des Lebens, an dessen weißen Stamm du sicher dein Gesicht gelehnt hattest.
Ich ging mit Pudu durch den Schlamm der Dorfstraße, fragte über die Zäune und in den riesigen offenen Küchen nach dir. Jemand musste dich aufgenommen oder weiter gefahren haben, vielleicht war ein Hubschrauber gekommen und hatte dich abgeholt. Niemand schien etwas zu wissen. Eine Familie von fünfzehn, sechzehn Personen umringte mich schweigend, kopfschüttelnd. Alle lächelten mit ihren großen Lippen, die riesigen Zähne blitzten, kamen näher und näher. Ich schrie, schrie in ihre Gesichter. Pudu legte seine Hände auf meine Schultern und zog mich aus der Hütte. Er setzte mich in ein Boot, hellblau wie sein Haus, und fuhr mich den Fluss hinunter in seine Hütte. Im Schuppen kochte er mir eine Fischsuppe, holte ein paar junge grüne Kokosnüsse vom Baum. Einer zerschlug er mit der Machete den hölzernen Schädel, das weißliche Fleisch quoll hervor. Pudu verschwand, als ich schlief. Er muss seine Schwester Clara beauftragt haben, mich zu versorgen.

Die Brüllaffen schreien wieder. Es ist der einzige Moment, in dem ich mich fürchte. Es war schlimmer, als ich das Kind in mir trug. Ich öffnete meine Arme, rief in mich hinein, rief unser Kind aus mir heraus. Komm!
Schließlich antwortete der Bauch, zog sich zusammen, wieder und wieder, allmählich in einen erkennbaren Rhythmus fallend. Die Schmerzen kreisten mich ein, umhüllten mich, trugen mich auf die Schwelle einer Welt, aus der das Kind kommen musste. Ich ging ihm entgegen. Claras Stimme erreichte mich von weit: Atme, atme, es hat nur deine Luft, es hat nur dich!

Das Kind schaute sich verwundert um, der erste Blick aus den farblosen tiefliegenden Augen traf mich. Ich sah in dein zerknittertes Gesicht. Es ruhte auf meinem Brustkorb, der große Kopf berührte sanft mein Kinn. Mein Kind, unser Kind in meinen Händen. So groß. So klein.
Clara hielt eine Nadel über eine Kerze und begann, meine Wunde zu nähen, mein offenes, blutendes Auge.

Ich liege in der löchrigen Hängematte, das Kind auf der Brust, den Block auf den Knien. Das Kind schreit.
Es ist, als schreie es all meine Wut, meine Angst und meinen Hunger in die Welt. Clara ist seit einigen Tagen nicht mehr hier gewesen, das Essen ist längst alle. Ein paar Mal habe ich versucht, auf eine Palme zu klettern, ich schaffe es nicht. Ich suche essbare Früchte am Dschungelrand und wünsche mir, den Verstand zu verlieren.

Das Kind saugt die letzten Tropfen aus mir, ich vertrockne, welke, meine braune Haut muss längst zu Pergament geworden sein, auf dem alle Worte, die ich für dich habe, zu lesen sind. Ich träume immer öfter, du bist da und liest mich, blätterst meine Seiten mit deinen Händen vorsichtig um. Ich bin nicht mehr Frau, ich bin das Buch unserer Liebe geworden, das zu Staub zerfällt. Wo bist du, Geliebter?
Der Stift in meiner Hand zittert. Die Brüllaffen beginnen zu schreien.

Schöne neue Welt

(veröffentlicht in der humanistischen Zeitschrift Diesseits)

Ich bin ein Beta-Plus. Und Du? Alpha? Gratuliere! Beta? Auch nicht schlecht. Gamma? Delta? Ebsilon? Oje!
Es ginge noch lange nicht um das Züchten von Menschen? Es wird doch nur ein wenig manipuliert? Es geht in Wahrheit um folgendes: Um den Umgang unserer Gesellschaft mit Krankheit, Behinderung (und Alter). Die momentane Diskussion dreht sich primär um die Präimplantationsdiagnostik, die künstliche Embryonenherstellung bzw. den Embryonenverbrauch.
Die Parteien sind zerstritten. Kanzler und Bundespräsident markieren den Rubikon. Für den einen ist die Gentechnik die „Schlüsseltechnologie des Jahrhunderts“, für den anderen ein ethisches Dilemma. Tatsächlich ist die Bioindustrie inzwischen der stärkste Motor des Neokapitalismus. Hat die Ethik da überhaupt noch eine Chance?
Viele der Argumente, die man zur Zeit hört, sind – für sich genommen – überzeugend. Wer kann nicht die Familie verstehen, die nach mehreren nicht lebensfähigen Kindern vor einer neuerlichen Einpflanzung und Schwangerschaft wissen möchte, ob auch diese Embryonen geschädigt sind. Wer kann nicht die Kranken, die Forscher und die Mediziner verstehen, die auf Möglichkeiten der Heilung hoffen. Aber dafür anderes Leben zerstören? Letztendlich entscheidet das Gewissen. Doch ist das wirklich frei? Ist das nicht bestochen? Mit Geld? Mit Arbeitsplätzen? Mit Ruhm?
In Amerika kann man sich schon jetzt für eine halbe Million ein Klonbaby bestellen. Für die Gewissensfrage, sagen die selbsternannten Inhaber der unbegrenzten Möglichkeiten, seien die Europäer zuständig. Doch wer will schon jemanden Gott spielen lassen, ohne mitzuspielen? Die israelischen Forscher sind führend in der Stammzellenforschung, denn in ihrer Religion gilt der Embryo nicht als schützenswertes Lebewesen. Die Briten, Holländer, Belgier z.B.. führen die PID bereits durch. Das alles zwingt uns zu handeln, uns wenigstens zu entscheiden.
Es gibt sicher Gründe, also Krankheiten, die für eine vorherige Untersuchung sprechen. Aber welche? Und was macht man mit dem Wissen darum? Erkannt werden kann zum Beispiel die Trisomie 21 (Down-Syndrom), diese Kinder können bereits abgetrieben werden (schon das war m.E. eine Fehlentscheidung), solche Kinder brauchte man sich dank PID gar nicht erst einpflanzen lassen, was unbestritten besser wäre, als sie im 6. oder 7. Monat abzutreiben. Aber warum überhaupt abtreiben? Diese Kinder sind zumeist sehr lebensfroh! Das Problem sind nicht wirklich die solcherart behinderten Kinder, das Problem sind die gesellschaftlichen und sozialen Strukturen, die keinen Platz für sie lassen. (Weil sie nicht funktionieren, und ihre Eltern auch nicht mehr.) Deshalb leiden diese Kinder. Deshalb leiden ihre Eltern, weil sie allein gelassen, komisch angeguckt, als „mangelhaft“ bewertet werden, weil sie „mangelhafte“ Kinder haben. An diese Stelle gehören nach wie vor Gelder und Engagement, um Eltern und Kindern das Leben zu erleichtern, sie vor allem zu integrieren. Wird stattdessen investiert in die Möglichkeit, dieses Leben überhaupt nicht erst zuzulassen, rücken wir mit jeder einzelnen Abtreibung bzw. Selektion per PID weg von einem Leben mit Krankheit und Behinderung. Doch nur theoretisch! Das Verständnis dafür sinkt. Denn wer jetzt, nachdem „man da doch was machen kann“, noch ein behindertes Kind zur Welt bringt, der soll sehen, wie er damit zurechtkommt. Ein Leben ohne Krankheit, Behinderung und Altern wird bald möglich- so wird uns suggeriert. Dies jedoch wird es niemals geben. Nur der Druck, möglichst gesund und ewig jung zu sein, wächst. Die Forschung steckt überdies noch immer in den Kinderschuhen, wir können durch Gentests vieles erfahren, aber kaum etwas therapieren. Mit dem Wissen um eine eventuell irgendwann einmal ausbrechende Krankheit werden Eltern allein gelassen. Wie DIE WOCHE berichtete, trieben Frauen in den USA Kinder ab mit der genetischen Veranlagung, 70 oder 80 Jahre später Alzheimer zu bekommen- eventuell! Die wahrsagenden Ärzte hatten wohl vergessen, die Zeitspanne bis dahin zu beleuchten, den Beruf, die Familie, die Liebe, das Leben… Und sie können sich in kürzeren Distanzen irren: Ich habe ein Kind herumkrabbeln sehen, das laut vorgeburtlicher Diagnose nicht lebensfähig war. Dessen Mutter hatte sich gottseidank nicht einschüchtern lassen und den Kleinen geboren. Mit Mut, Liebe und Vertrauen in die elterlichen Fähigkeiten geht vieles. Und das sollten wir nicht vergessen.
Ich habe ein gesundes, intelligentes Kind. Ich denke, ich hätte es auch gewollt, wenn es behindert zur Welt gekommen wäre. Nur hätte ich voller Sorge sein müssen um sein Glück in dieser Gesellschaft.
Würde mein Kind erkranken, wäre ich natürlich überglücklich, wenn ihm geholfen werden könnte. Aber um welchen Preis? Ein paar dutzend tote Embryos? Extra dafür gezüchtete? Mein Leben würde ich für das meines Kindes geben, nicht das von anderen. Was glauben wir eigentlich, uns da anmaßen zu können? Warum werden zu der Frage, wann Leben beginnt, nicht die Frauen gefragt, die seit Tausenden von Jahren im Einklang mit der Natur gebären?
Wir können uns, wie gesagt, internationalen Normen und vor allem Werten nicht völlig verschließen, aber wir können unsere Grenzen ziehen und die so eng wie möglich. In der Forschung ist es möglich, fünf Schritte auf einmal nach vorn zu gehen, doch unmöglich, einen einzigen zurück. Die Grenze wird sich sowieso durch Druck von innen (durch die Forschung) und von außen (durch internationalen Fortschritt) allmählich ausweiten.
Biotechnik gibt sich den Anschein, doch nur das Beste zu wollen, dies aber leider nur für „die Besten“. Für die schönsten und gesündesten genetischen Merkmale nach darwinistischem Prinzip. Der Darwinismus der Natur mag manchmal grausam erscheinen, ist aber immerhin natürlich, in einen geschlossenen Kontext verankert. Der gesellschaftliche Darwinismus ist willkürlich und egoistisch. Die sozialen Strukturen werden aufgelöst. Kinder sind keine Gäste des Lebens mehr, keine „Geschenke des Himmels“ oder der Natur. Sie sind Produkte von unter Druck konstruierenden Designern des Lebens.
Vergessen wir beim Umgang mit Genmanipulationen nicht, daß wir dabei Kräfte freisetzen können, die wir nicht kontrollieren können. Die Beispiele aus der Literatur, wie Shelleys Frankenstein oder Bulgakows „Hundeherz“ oder eben Huxleys schöne neue Welt zeigten schon vor langem, welche Konsequenzen drohen. Das müssen keine Monster in diesem Sinne sein, es können die wunderschönen (aber vielleicht aus der Mode gekommenen) menschenähnlichen Gestalten sein, die nicht wissen, wohin und zu wem sie gehören. Die nicht mit Schmerz, Verlust und Krankheit umgehen können, weil diese Tabus sind. Die nicht wissen, aus wieviel Teilen Zufall und wieviel Teilen Manipulation sie bestehen. Die sich fragen, warum sie gerade diese Manipulationen haben und nicht die anderen. Und die alles, was ihre Eltern diesbezüglich getan oder gelassen haben, ihnen vorwerfen werden. Denn es wird nie richtig sein. Und nie genug. Und der Mensch kein Mensch mehr…

«EL LUGAR MÁS BONITO DEL MUNDO»

Übersetzung aus dem Spanischen (in Zusammenarbeit mit Oliver Hofmann)

von Ann Cameron
Es ist die Geschichte eines Jungen in Guatemala, der als Schuhputzer arbeitet und eigentlich gern zur Schule gehen würde.

Auszug:
»Ich heiße Juan und lebe in den Bergen Guatemalas. Es gibt drei riesige Vulkane in der Nähe meines Dorfes, das San Pablo heißt und das umringt ist von steilen Bergen. An den Abhängen gibt es sehr grünes Land: das sind Plantagen mit Mais, Knoblauch und Zwiebeln. In den Tälern reifen die roten Früchte des Kaffees im Schatten großer Bäume.
Es gibt viele Blumen in meinem Dorf und viele Vögel: Adler, Pirole, Uhus, Kolibris und Scharen von Papageien, die sich von den Bäumen stürzen, um unseren Mais zu rauben, zwitschernd in dieser Sprache, die nur sie verstehen.
San Pablo liegt am Rande eines großen Sees. Es gibt noch sieben andere Dörfer rundherum um den See. Die Menschen fahren in Motorbooten ode rmit einem Kanu von einem Dorf zum anderen. Es gibt zwar eine Straße, aber die ist sehr schlecht.
Noch nie war ich in den anderen Dörfern, immer nur in San Pablo. In ruhigen Nächten gehe ich gern hinunter ans Ufer des Sees und sehe die Lichter der Fischerboote, die sich im dunklen Wasser spiegeln. Ich sehe auch die Lichter der anderen Dörfer und Millionen Sterne, die hoch am Himmel funkeln. Und dann kommt es mir so vor, als würde einer von ihnen zu mir sagen: Du bist nicht allein, wir sind bei dir. […]«