Der Pusteblumenelf

Eines Morgens, gerade stieg hinter dem sanften Tauschleier die Maisonne auf, da öffnete sich wie jeden Tag die Löwenzahnblüte Tara. Sie reckte und streckte sich schlafestrunken und gähnte laut. „Uaaah!“
„Na, noch mühüde?“ flötete die Lerche, die über der Wiese flatterte, und sich übermütig fallen ließ, wieder und wieder. „Ach, du grüne Neune!“ rief sie dann, als sie nah herangestürzt war. „Tara, was ist mit dir geschehen?“ Die Löwenzahnblüte schaute verwundert. „Was soll sein?“ fragte sie. Sie hatte sich wie jeden Morgen geöffnet und sah sicherlich noch etwas zerzaust aus. Doch was sollte der Aufstand der Lerche? „Hat man nicht mal das Recht, morgens zerzaust auszusehen?“ murrte sie. Sie neigte sich hinab, um sich in den Tautropfen auf der Wiese spiegeln zu können. Erschrocken fuhr sie zurück. „Was ist das?“ stammelte sie. „Ich bin… ich bin ja… ganz weiß!“ „Weiß wie eine Wand!“ bestätigte die Lerche. „Meinst du, ich bin krank?“ „Keine Ahnung“, zwitscherte die Lerche. „Vielleicht bist du einfach alt? Ich habe mal ein paar alte Menschen am Feld entlanglaufen sehen. Die hatten weiße Haare.“ „Alt“, überlegte Tara und streckte probeweise alle Blätter. „Ich fühl mich kräftig wie eh und je.“ Die Lerche grinste schweigend vor sich hin. „Weck mal die anderen“, sagte Tara zu dem Vogel. „Ich will schauen, ob sie auch weiß sind.“ Und die Lerche schoss auf und ab und trällerte ihr Morgenlied, so laut sie konnte. Alsbald öffneten sich alle Blüten auf der Wiese und gähnten und reckten sich. Gelb leuchtete es aus ihrem Inneren. „Gelb“, murmelte Tara. „Sie sind alle noch gelb.“ Und sie zog sich zusammen, auf dass die anderen nicht sahen, was ihr geschehen war. „Da bin ich wohl vor der Zeit gealtert“, sagte sie sich traurig.
Die anderen Blüten lebten weiter in den Tag wie zuvor. Sie badeten im Morgentau, genossen die Frühlingssonne und hielten ein Schwätzchen mit den Nachbarblumen oder den Insekten, die vorbeikamen. Das geschäftige Wiesenleben ging weiter, als sei nicht einer Blume unter ihnen etwas Schreckliches geschehen. Traurig wiegte sich die Löwenzahnblüte Tara im Wind, der ihr kalt vorkam. Sie sprach heute mit niemandem. Die Lerche hatte sie wohl längst vergessen, was ging sie ein alter weißer Löwenzahn an? Doch dann geschah es, dass eine freche Fliege das Geheimnis entdeckte. Und sogleich flüsterte sie es der nächsten Löwenzahnblüte zu. Die flüsterte es der nächsten zu und die wiederum der nächsten. Und so kicherte bald die ganze Wiese hinter vorgehaltenem Halm. Tara steckte die Nase heraus, als sie das verhaltene Lachen hörte. Und als die anderen sahen, dass es wirklich so war, wie sie gehört hatten, gab es kein Halten mehr. Ein einziges Lachen schwebte über der ganzen Wiese. Nun, Tara hatte Humor und bemühte sich, mitzulachen, doch da sie nicht wusste, was mit ihr geschah, war dies nicht so einfach. „Wisst ihr denn, warum ich plötzlich weiß bin?“ fragte Tara die anderen, als diese sich etwas beruhigt hatten. „Du bist alt“, sagten diese nur, und sie wandten sich wieder einander zu.
Nach ein paar Tagen jedoch war eine nach der andern ebenfalls weiß geworden. Nun lachten sie nicht mehr. Sie lächelten Tara wieder freundlich zu und luden sie zum Nachmittagstau ein. Und kaum hatte man sich versehen, war die ganze Wiese ein weißes Meer geworden. Ein schaumweißes weiches Pustemeer. Der Wind spielte vergnügt in den Blüten und nahm einige der kleinen weißen Löwenzahnschirmchen auf seinen Rücken. Das war ein Juchzen und Lachen. Die Löwenzahnblüten blieben alsbald kahl zurück und schauten traurig lächelnd ihren Kleinen nach. Doch als alle Schirmchen fort waren, sah man noch immer eine der Blüten mit weißem Haar stehen. Tara war als erste weiß geworden und hatte nun noch alle Haare. Verwundert starrten sie die anderen Blüten an. „Du bist ja gar nicht alt“, riefen sie. „Was ist dein Geheimnis?“ Und da hoben sich die weißen Haare des Löwenzahns und darunter kamen zwei schmale grüne Augen zum Vorschein. An der Seite ragten zwei sehr spitze Ohren hervor, und auch eine Nase und ein Mund erschienen. „Was ist das?“ riefen die Blumen und Gräser durcheinander. Selbst die geschäftigen Bienen hielten inne. Und sogar der Wind legte sich auf die Wiese, um zu sehen, was dort vorging. Aus der Blüte kletterte ein kleines fremdartiges Wesen mit Armen und Beinen. Es reckte sich, sprang hoch in die Luft, flatterte mit seinen Flügeln und lachte ein helles klingendes Lachen. „Was für ein schöner Tag, um geboren zu werden!“ rief es. Dann kam es herunter und näherte sich Tara, die vor Verblüffung starr stand und die Augen aufriss. „Danke, Mama“, sagte der Pusteblumenelf und umarmte Tara ganz fest. Ein warmes Gefühl, wärmer als die Maisonne, breitete sich in Tara aus. Wie es gekommen war, wusste sie nicht, doch es war ein Wunder, was ihr passiert war, das war gewiss. Ein geflügeltes Wunder. Dann schoss der Pusteblumenelf lachend davon, mit den Schirmchen um die Wette, hinaus in die Welt…

Der Elefant, der eine Elfe sein wollte

Kinderbuchmanuskript
Der Elefant, der eine Elfe sein wollte

Doro Herrmann

Bhanu, der Elefant, lebte in Indien als Waldarbeiter. Stolz zog er jeden Morgen mit seinen Kollegen, den anderen Arbeitselefanten und ihren Hütern, den Mahuts, in den Wald. Menschen und Tiere räumten gemeinsam Baumstämme weg, stießen Bäume um und stapelten Holz auf. Die Arbeit war schwer, und je schwerer sie war, umso stolzer zogen die Elefanten am Abend heim. Sie berichteten einander abends im Lager noch lange von ihren Heldentaten.

Bhanus Mahut trug den Namen Amit. Er war ein freundlicher junger Mann, der den ganzen Tag vor sich hin pfiff und immer ein gutes Wort für seinen Elefanten hatte. Die beiden kannten sich schon seit der Elefantenschule. Dort hatte Amit Bhanu gezähmt und ihm alles beigebracht, was ein Arbeitselefant wissen musste. Bhanu hatte sich jeden Morgen nach dem Aufwachen darauf gefreut, dass Amit ihn bald rufen würde, damit sie zusammen zur Arbeit gingen.

Doch eines Morgens erschien Amit nicht. Die anderen Arbeitselefanten waren bereits mit ihren Mahuts unterwegs, da tauchte hinter den Büschen ein Fremder auf. Wie aus dem Nichts spürte Bhanu einen Schmerz an seiner Seite. Nur langsam begriff der Elefant, dass der Fremde ihn mit der Peitsche in seiner Hand geschlagen haben musste. Drohend hob der Mann die Peitsche, und Bhanu setzte sich verwirrt in Bewegung. So lang war ihm der Weg zur Arbeit noch nie vorgekommen. Und so lang war Bhanu auch noch kein Arbeitstag erschienen. Er sehnte sich nach Amits fröhlichem Pfeifen. Doch er hörte nur das Surren der Peitsche hinter sich. Am Abend konnte Bhanu nicht einschlafen. Was war mit Amit geschehen? Warum kam er nicht mehr? Sollte er, Bhanu, von nun an jeden Tag mit diesem neuen grausamen Mahut zusammen arbeiten?

Amit kam nicht mehr. Bhanu machte sich Gedanken − vielleicht war Amit krank? Oder er war in die Stadt gegangen?
Jeden Morgen erschien statt des fröhlichen jungen Mannes nun Pradam, der neue Mahut, mit seiner Peitsche. Bhanu seufzte. Er ermüdete nun schneller bei der Arbeit.

Doch eines Tages, als Bhanu vor Erschöpfung kurz die Augen schloss, kitzelte es ihn am Rüsselende. Sofort öffnete der Elefant die Augen. Er blickte direkt in winzige Smaragde, die dicht vor ihm schwebten. Bhanu kniff die Augen wieder zusammen und öffnete sie abermals. Da sah er ein winziges Gesicht um die grünen Augen herum, das einem winzigen Wesen gehörte, auf dessen Rücken fast durchsichtige Flügel sirrten. Das Wesen tänzelte vor Bhanus Augen durch die Luft und pfiff eine fröhliche Melodie.

Bhanu öffnete schließlich den Mund und fragte: „Wer …?“
Doch das Wesen schoss augenblicklich hinter einen Baum. Bhanu begriff, er war zu laut gewesen. Also flüsterte er so leise, wie ein Elefant flüstern kann: „Wer bist du?“
Das Wesen steckte den Kopf hinter dem Baum hervor und antwortete irgendetwas. Bhanus riesige Ohren vernahmen nur ein leises Summen und so zuckte er mit den Elefantenschultern. Da flatterte das Wesen dicht an Bhanus Kopf heran, formte die winzigen Hände zu einem Trichter und rief so laut, wie eine Elfe nur rufen kann: „Ich bin eine Elfe und man nennt mich Sanjana.“
„So ein schöner Name, genauso schön wie du“, staunte Bhanu.

Bhanu fragte die Elfe:„Verrätst du mir, wie ist es zu fliegen?“
Sanjana lachte wieder.
„Es ist wunderbar“, sagte sie. „Man kann sehen, wie ein Frosch sieht, man kann sehen, wie ein Reh sieht, und man kann sehen, wie ein Adler sieht. Man kann das Moos berühren, sich auf den höchsten Wipfeln der Bäume wiegen. Und man kann die Welt von ganz, ganz oben sehen.“
Bhanu hatte gespannt zugehört.
„Das will ich auch“, rief er dann aus.
Sanjana lachte.
„Sag mal, lachst du mich aus?“ fragte Bhanu misstrauisch.
„Nein, nein“, antwortete sie. „Ich freue mich, dass du Träume hast. Weißt du“, sagte sie und flog dicht an Bhanus Ohr heran, „Träume lassen Flügel wachsen.“
Dann drehte die Elfe eine Runde um Bhanus erhobenen Rüssel und verschwand über den Wipfeln der Bäume im unendlichen Blau.

Da surrte Pradams Peitsche durch die Luft, und Bhanu machte sich wieder an seine Arbeit. Doch er dachte die ganze Zeit an die Elfe Sanjana. So zart und anmutig war sie gewesen. Wie mochte es sich nur anfühlen, durch den Wald zu flattern statt zu stampfen?
„Ich will auch fliegen“, sagte sich Bhanu immer wieder. „Und tanzen.“
„Ha“, rief da ein anderer Arbeitselefant. „Bhanu will wohl eine Elfe sein!“ Die anderen Elefanten grinsten.

Abends, im Lager der Arbeitselefanten, erzählte Bhanu seinen Kollegen von seiner Begegnung mit Sanjana. Die anderen Elefanten staunten zuerst, doch dann lachten sie laut. Keiner von ihnen schien jemals eine Elfe gesehen zu haben.
„Was man nicht sieht“, rief Vidur, der Älteste, „das gibt es auch nicht.“
Die anderen Elefanten nickten mit ihren riesigen Köpfen, dass die Ohren nur so schlackerten. Bhanu ließ den Kopf sinken und schwieg. Er wusste plötzlich selbst nicht mehr genau, ob er nicht doch nur geträumt hatte. Aber in der Nacht war ihm, als flöge er durch den Wald, mit durchsichtigen Flügeln. Und neben ihm flog Sanjana, die winzige Elfe.

Bhanu zog weiterhin jeden Morgen mit den anderen Arbeitselefanten hinaus. Doch er hielt immerzu Ausschau nach Sanjana.
„He, Bhanu“, schrie Pradam und schlug den armen Elefanten mit dem Stock auf den Hintern. „Du träumst wohl?“
Bhanu träumte tatsächlich. Doch alle Schläge und jeder Spott konnten ihn nicht davon abbringen. Woche um Woche verging, und Bhanu konnte noch immer an nichts anderes denken als an seinen Wunsch, eine Elfe zu sein. Jeden Abend hoffte er, ihm würden Flügel wachsen, so, wie die Elfe gesagt hatte. Doch nichts geschah.

Eines Tages begegnete Bhanu einer Spinne, die ihr Netz an einem der Bäume gesponnen hatte, den er umwerfen sollte.
„Lass den Baum stehen, ich bitte dich“, sagte die Spinne. „Ich gebe dir auch einen Rat.“
Denn es hatte sich natürlich längst im Wald herumgesprochen, dass der verrückte Bhanu eine Elfe sein und fliegen können wollte. Bhanu warf einen Blick zu seinem Mahut hinüber, der gerade im Schatten ein Nickerchen hielt.
„Na gut“, sagte Bhanu, „aber kannst du mir denn helfen, klein zu werden wie eine Elfe?“
„Das wohl nicht“, sagte die Spinne. „Aber ich verrate dir etwas anderes. Sieh mal her, Netze federn.“
Und sie hüpfte auf ihrem Netz auf und ab und flog dabei in die Höhe. Begeistert schaute Bhanu zu. Doch dann fiel ihm etwas ein.
„Ich bin doch viel zu groß für so ein Spinnennetz“, sagte er.
„Dann bau dir eben ein Netz, das dich aushält“, antwortete die Spinne.

Und so begann Bhanu heimlich auf dem Weg zur Arbeit und zurück, über eine Grube biegsame Stämme zu legen. Einen nach dem anderen, so dass sie ein Netz bildeten. Eines

Abends erschien die Elfe Sanjana wieder. Sie saß plötzlich auf Bhanus Stoßzahn, während er einen Stamm auf die anderen schob und rief: „Oh, ein Trampolin! Damit wirst du ja fliegen können.“
„Das hoffe ich“ antwortete Bhanu. „Obwohl …“
„Kein Obwohl!“, fiel ihm die Elfe ins Wort. „Zweifel machen einen ganz schwer. Damit kann man nicht fliegen. Nie und nimmermehr!“
„Nicht?“, fragte Bhanu erstaunt.
„Nicht mal, wenn man so klein ist wie ich!“ antwortete Sanjana. „Wenn du Zweifel hast, bist du dann so schwer wie ich?“, fragte Bhanu und zwinkerte mit seinen kleinen Elefantenaugen.
„Ja, so schwer wie du. Und alle deine Kollegen zusammen!“, lachte Sanjana.
.

Schließlich kam der Tag, da war Bhanus Netz fertig. Während der Mittagspause, in der die Elefanten normalerweise von ihren Mahuts im Fluss gebadet wurden, stampfte Bhanu zu der Lichtung. Sanjana umflatterte den Elefanten und gab ihm aufmunternde Klapse. Vorsichtig setzte Bhanu einen Fuß auf das Holz.
Sanjana rief: „Siehst du, es hält. Nur weiter!“
Bhanu setzte den zweiten Fuß darauf, dann den dritten. Und schließlich stand der große, schwere Elefant auf seinem selbstgebauten Trampolin.
Bhanu hielt den Atem an. Er traute sich kaum, sich zu rühren. Sanjana flatterte vor den weitaufgerissenen Augen ihres Freundes auf und ab. „Prima!“, rief sie. „Aber du wolltest doch fliegen! Los, beweg dich, Bhanu!“

Langsam begann der Elefant also zu federn. Auf und ab, auf und ab, auf und ab und … Höher und höher und immer höher sprang er. Und dann sprang er ganz hoch, höher als Sanjana flog und rief: „Juchhhuuuu, ich kann fliegen. Ich fliege wie eine Elfe!“

Die anderen Elefanten, angelockt von dem Lärm, waren inzwischen nähergekommen und staunten. Tatsächlich, da flog der Elefant Bhanu vor ihren Augen vom Waldboden bis zu den Wipfeln hinauf. Und wieder hinunter. Und wieder hinauf, noch höher diesmal. Alle Elefantenmünder standen offen. Auch die Mahuts kamen heran. Bhanu sah für einen Moment in die Augen von Pradam, seinem grausamen neuen Mahut. Doch er sah keinen Zorn darin, eher einen Funken Achtung. Bhanu aber flog längst wieder durch die Luft. Sanjana hielt sich inzwischen an seinem Rüssel fest und jauchzte begeistert.

Doch dann, kracksssss … saß Bhanu plötzlich in der Grube. Die Elefanten schauten sich an, und dann lachten sie voller Schadenfreude los. Bhanu war erschrocken. Doch die Elfe Sanjana kicherte auch und Bhanu musste schließlich selber lachen Er lachte am lautesten. Der ganze Wald bebte vom Gelächter der Elefantenherde.

Bhanu arbeitete von nun an wieder fleißig mit den anderen Elefanten im Wald. Sein neuer Mahut Pradam ließ die Peitsche öfter ruhen. Bhanu baute kein neues Netz mehr. Doch er lächelte häufiger bei der Arbeit, denn er dachte an das prickelnde Gefühl in seinem Elefantenbauch, dass er gehabt hatte, als er geflogen war. Und wenn ihn Sanjana besuchte, lachten sie gemeinsam in Erinnerung an den Tag, als Bhanu, der Elefant, auch eine Elfe gewesen war.