Der Elefant, der eine Elfe sein wollte

Kinderbuchmanuskript
Der Elefant, der eine Elfe sein wollte

Doro Herrmann

Bhanu, der Elefant, lebte in Indien als Waldarbeiter. Stolz zog er jeden Morgen mit seinen Kollegen, den anderen Arbeitselefanten und ihren Hütern, den Mahuts, in den Wald. Menschen und Tiere räumten gemeinsam Baumstämme weg, stießen Bäume um und stapelten Holz auf. Die Arbeit war schwer, und je schwerer sie war, umso stolzer zogen die Elefanten am Abend heim. Sie berichteten einander abends im Lager noch lange von ihren Heldentaten.

Bhanus Mahut trug den Namen Amit. Er war ein freundlicher junger Mann, der den ganzen Tag vor sich hin pfiff und immer ein gutes Wort für seinen Elefanten hatte. Die beiden kannten sich schon seit der Elefantenschule. Dort hatte Amit Bhanu gezähmt und ihm alles beigebracht, was ein Arbeitselefant wissen musste. Bhanu hatte sich jeden Morgen nach dem Aufwachen darauf gefreut, dass Amit ihn bald rufen würde, damit sie zusammen zur Arbeit gingen.

Doch eines Morgens erschien Amit nicht. Die anderen Arbeitselefanten waren bereits mit ihren Mahuts unterwegs, da tauchte hinter den Büschen ein Fremder auf. Wie aus dem Nichts spürte Bhanu einen Schmerz an seiner Seite. Nur langsam begriff der Elefant, dass der Fremde ihn mit der Peitsche in seiner Hand geschlagen haben musste. Drohend hob der Mann die Peitsche, und Bhanu setzte sich verwirrt in Bewegung. So lang war ihm der Weg zur Arbeit noch nie vorgekommen. Und so lang war Bhanu auch noch kein Arbeitstag erschienen. Er sehnte sich nach Amits fröhlichem Pfeifen. Doch er hörte nur das Surren der Peitsche hinter sich. Am Abend konnte Bhanu nicht einschlafen. Was war mit Amit geschehen? Warum kam er nicht mehr? Sollte er, Bhanu, von nun an jeden Tag mit diesem neuen grausamen Mahut zusammen arbeiten?

Amit kam nicht mehr. Bhanu machte sich Gedanken − vielleicht war Amit krank? Oder er war in die Stadt gegangen?
Jeden Morgen erschien statt des fröhlichen jungen Mannes nun Pradam, der neue Mahut, mit seiner Peitsche. Bhanu seufzte. Er ermüdete nun schneller bei der Arbeit.

Doch eines Tages, als Bhanu vor Erschöpfung kurz die Augen schloss, kitzelte es ihn am Rüsselende. Sofort öffnete der Elefant die Augen. Er blickte direkt in winzige Smaragde, die dicht vor ihm schwebten. Bhanu kniff die Augen wieder zusammen und öffnete sie abermals. Da sah er ein winziges Gesicht um die grünen Augen herum, das einem winzigen Wesen gehörte, auf dessen Rücken fast durchsichtige Flügel sirrten. Das Wesen tänzelte vor Bhanus Augen durch die Luft und pfiff eine fröhliche Melodie.

Bhanu öffnete schließlich den Mund und fragte: „Wer …?“
Doch das Wesen schoss augenblicklich hinter einen Baum. Bhanu begriff, er war zu laut gewesen. Also flüsterte er so leise, wie ein Elefant flüstern kann: „Wer bist du?“
Das Wesen steckte den Kopf hinter dem Baum hervor und antwortete irgendetwas. Bhanus riesige Ohren vernahmen nur ein leises Summen und so zuckte er mit den Elefantenschultern. Da flatterte das Wesen dicht an Bhanus Kopf heran, formte die winzigen Hände zu einem Trichter und rief so laut, wie eine Elfe nur rufen kann: „Ich bin eine Elfe und man nennt mich Sanjana.“
„So ein schöner Name, genauso schön wie du“, staunte Bhanu.

Bhanu fragte die Elfe:„Verrätst du mir, wie ist es zu fliegen?“
Sanjana lachte wieder.
„Es ist wunderbar“, sagte sie. „Man kann sehen, wie ein Frosch sieht, man kann sehen, wie ein Reh sieht, und man kann sehen, wie ein Adler sieht. Man kann das Moos berühren, sich auf den höchsten Wipfeln der Bäume wiegen. Und man kann die Welt von ganz, ganz oben sehen.“
Bhanu hatte gespannt zugehört.
„Das will ich auch“, rief er dann aus.
Sanjana lachte.
„Sag mal, lachst du mich aus?“ fragte Bhanu misstrauisch.
„Nein, nein“, antwortete sie. „Ich freue mich, dass du Träume hast. Weißt du“, sagte sie und flog dicht an Bhanus Ohr heran, „Träume lassen Flügel wachsen.“
Dann drehte die Elfe eine Runde um Bhanus erhobenen Rüssel und verschwand über den Wipfeln der Bäume im unendlichen Blau.

Da surrte Pradams Peitsche durch die Luft, und Bhanu machte sich wieder an seine Arbeit. Doch er dachte die ganze Zeit an die Elfe Sanjana. So zart und anmutig war sie gewesen. Wie mochte es sich nur anfühlen, durch den Wald zu flattern statt zu stampfen?
„Ich will auch fliegen“, sagte sich Bhanu immer wieder. „Und tanzen.“
„Ha“, rief da ein anderer Arbeitselefant. „Bhanu will wohl eine Elfe sein!“ Die anderen Elefanten grinsten.

Abends, im Lager der Arbeitselefanten, erzählte Bhanu seinen Kollegen von seiner Begegnung mit Sanjana. Die anderen Elefanten staunten zuerst, doch dann lachten sie laut. Keiner von ihnen schien jemals eine Elfe gesehen zu haben.
„Was man nicht sieht“, rief Vidur, der Älteste, „das gibt es auch nicht.“
Die anderen Elefanten nickten mit ihren riesigen Köpfen, dass die Ohren nur so schlackerten. Bhanu ließ den Kopf sinken und schwieg. Er wusste plötzlich selbst nicht mehr genau, ob er nicht doch nur geträumt hatte. Aber in der Nacht war ihm, als flöge er durch den Wald, mit durchsichtigen Flügeln. Und neben ihm flog Sanjana, die winzige Elfe.

Bhanu zog weiterhin jeden Morgen mit den anderen Arbeitselefanten hinaus. Doch er hielt immerzu Ausschau nach Sanjana.
„He, Bhanu“, schrie Pradam und schlug den armen Elefanten mit dem Stock auf den Hintern. „Du träumst wohl?“
Bhanu träumte tatsächlich. Doch alle Schläge und jeder Spott konnten ihn nicht davon abbringen. Woche um Woche verging, und Bhanu konnte noch immer an nichts anderes denken als an seinen Wunsch, eine Elfe zu sein. Jeden Abend hoffte er, ihm würden Flügel wachsen, so, wie die Elfe gesagt hatte. Doch nichts geschah.

Eines Tages begegnete Bhanu einer Spinne, die ihr Netz an einem der Bäume gesponnen hatte, den er umwerfen sollte.
„Lass den Baum stehen, ich bitte dich“, sagte die Spinne. „Ich gebe dir auch einen Rat.“
Denn es hatte sich natürlich längst im Wald herumgesprochen, dass der verrückte Bhanu eine Elfe sein und fliegen können wollte. Bhanu warf einen Blick zu seinem Mahut hinüber, der gerade im Schatten ein Nickerchen hielt.
„Na gut“, sagte Bhanu, „aber kannst du mir denn helfen, klein zu werden wie eine Elfe?“
„Das wohl nicht“, sagte die Spinne. „Aber ich verrate dir etwas anderes. Sieh mal her, Netze federn.“
Und sie hüpfte auf ihrem Netz auf und ab und flog dabei in die Höhe. Begeistert schaute Bhanu zu. Doch dann fiel ihm etwas ein.
„Ich bin doch viel zu groß für so ein Spinnennetz“, sagte er.
„Dann bau dir eben ein Netz, das dich aushält“, antwortete die Spinne.

Und so begann Bhanu heimlich auf dem Weg zur Arbeit und zurück, über eine Grube biegsame Stämme zu legen. Einen nach dem anderen, so dass sie ein Netz bildeten. Eines

Abends erschien die Elfe Sanjana wieder. Sie saß plötzlich auf Bhanus Stoßzahn, während er einen Stamm auf die anderen schob und rief: „Oh, ein Trampolin! Damit wirst du ja fliegen können.“
„Das hoffe ich“ antwortete Bhanu. „Obwohl …“
„Kein Obwohl!“, fiel ihm die Elfe ins Wort. „Zweifel machen einen ganz schwer. Damit kann man nicht fliegen. Nie und nimmermehr!“
„Nicht?“, fragte Bhanu erstaunt.
„Nicht mal, wenn man so klein ist wie ich!“ antwortete Sanjana. „Wenn du Zweifel hast, bist du dann so schwer wie ich?“, fragte Bhanu und zwinkerte mit seinen kleinen Elefantenaugen.
„Ja, so schwer wie du. Und alle deine Kollegen zusammen!“, lachte Sanjana.
.

Schließlich kam der Tag, da war Bhanus Netz fertig. Während der Mittagspause, in der die Elefanten normalerweise von ihren Mahuts im Fluss gebadet wurden, stampfte Bhanu zu der Lichtung. Sanjana umflatterte den Elefanten und gab ihm aufmunternde Klapse. Vorsichtig setzte Bhanu einen Fuß auf das Holz.
Sanjana rief: „Siehst du, es hält. Nur weiter!“
Bhanu setzte den zweiten Fuß darauf, dann den dritten. Und schließlich stand der große, schwere Elefant auf seinem selbstgebauten Trampolin.
Bhanu hielt den Atem an. Er traute sich kaum, sich zu rühren. Sanjana flatterte vor den weitaufgerissenen Augen ihres Freundes auf und ab. „Prima!“, rief sie. „Aber du wolltest doch fliegen! Los, beweg dich, Bhanu!“

Langsam begann der Elefant also zu federn. Auf und ab, auf und ab, auf und ab und … Höher und höher und immer höher sprang er. Und dann sprang er ganz hoch, höher als Sanjana flog und rief: „Juchhhuuuu, ich kann fliegen. Ich fliege wie eine Elfe!“

Die anderen Elefanten, angelockt von dem Lärm, waren inzwischen nähergekommen und staunten. Tatsächlich, da flog der Elefant Bhanu vor ihren Augen vom Waldboden bis zu den Wipfeln hinauf. Und wieder hinunter. Und wieder hinauf, noch höher diesmal. Alle Elefantenmünder standen offen. Auch die Mahuts kamen heran. Bhanu sah für einen Moment in die Augen von Pradam, seinem grausamen neuen Mahut. Doch er sah keinen Zorn darin, eher einen Funken Achtung. Bhanu aber flog längst wieder durch die Luft. Sanjana hielt sich inzwischen an seinem Rüssel fest und jauchzte begeistert.

Doch dann, kracksssss … saß Bhanu plötzlich in der Grube. Die Elefanten schauten sich an, und dann lachten sie voller Schadenfreude los. Bhanu war erschrocken. Doch die Elfe Sanjana kicherte auch und Bhanu musste schließlich selber lachen Er lachte am lautesten. Der ganze Wald bebte vom Gelächter der Elefantenherde.

Bhanu arbeitete von nun an wieder fleißig mit den anderen Elefanten im Wald. Sein neuer Mahut Pradam ließ die Peitsche öfter ruhen. Bhanu baute kein neues Netz mehr. Doch er lächelte häufiger bei der Arbeit, denn er dachte an das prickelnde Gefühl in seinem Elefantenbauch, dass er gehabt hatte, als er geflogen war. Und wenn ihn Sanjana besuchte, lachten sie gemeinsam in Erinnerung an den Tag, als Bhanu, der Elefant, auch eine Elfe gewesen war.

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